Tag - und Anzeigeblatt Kempten  Dienstag, den 24. Februar  1903

Faschings-Unterhaltungen

Mit Maskenzug Oy Schwarzenberg. Programmäßig traf der Maskenzug der Oyer mittags 1Uhr am “lumpigen Donnerstag “in Schwarzenberg ein. Was laufen konnte war auf den Beinen, und was nicht laufen konnte, wurde getragen. Krumme und Kurzatmige, Podagraneer (Gichtkranke) und Kropfete,- kurz, alles streckte die Hälse, um ja nichts zu übersehen. Der Maskenzug zeigte dass ein tüchtiger Leiter an der Spitze war und dass sämtliche nahezu 100 Teilnehmer sich ins Ganze prächtig zu schicken wusste. Alles klappte. Die Zugordnung war folgende:

1. Englischer Sport, 2. Musik, 3. Schützenverein, 4. Radfahrer, 5. Fischerverein, 6. Sporttouristenverein, 7. Gesangverein, 8. Stemmverein, 9. Zipfelhaubenverein, 10. Hundezüchterverein, 11. Geflügelverein, 12. Bartverein, 13. Schwankende Vereine.

Verschiedene Hanswurste, darunter schon ein ganz” unklampeter” (frecher)( kein Oyer, ein reinrassiger von auswärts importierter) attackierten das Publikum und sorgten für das nötige Geschrei der lieben Mädchenwelt und das Hallo der weniger erschreckten gaffenden Buben. Spezialraritäten wie z.B. ein wanderndes Fass, betitelt:” Verein gegen Verarmung der Bierbrauer”, eine nichts weniger als christoselmäsig lange Gestalt, aber mit riesigen Ohren und Füßen, allerlei Lumpbazi Vagabundi und viele mehr waren zu sehen. Auch die Schwarzenberger stellten einen hübsch gezierten, mit Ochsengespann versehenen  Wagen mit nett maskierten Insassen und Insassinnen. Nun zu den einzelnen Abteilungen: Unmöglich ist es auf jede speziell einzugehen( wir fürchten den Redaktionsstift) aber jeder gerecht und unbefangen Urteilender, auch wer schön größere derartige Aufführungen gesehen hat, musste doch sagen:” Das gebotene würde sogar einem größerem Städtelein zur Ehr gereichen.” Die Musik in Infanterie - Uniform spielte sehr gut und machte der Uniform keine Unehre, besonders der Stabstrompeter zeigte sich als tüchtiger Bläser. Recht nette Truppen waren die Radfahrer mit den feschen Radlerinnen, desgleichen die Fischer und Jäger mit den Fischerinnen und Jägerinnen. Der Gesangverein war recht gut zusammengeübt ( Respekt Herr Dirigent) und die hellen frischen Mädchenstimmen erklangen öfters zur Freude und zum Genuss der Zuhörer. Nun zu einer Gruppe die in der Zuordnung nicht genannt ist : eine riesige uralte Himmelbettstatt auf einem großen Schlitten. Auf dem Altertume thronte der Friedensengel, vorn stand die Inschrift: “Friede”, seitwärts die Bezeichnung

Kemptner Karnevalsverein 1903 und in dieser Stätte des Friedens ruhte sanft, von dem sorgenden Arm der treuen Gattin umschlungen, der arme Kemptner Prinzkarneval. War´s ein natürlicher Schlaf? War´s gar schon der unerbitterliche Tod? Wir wissen es nicht, hoffen aber das Beste. Auf der Rückseite stand in Lebensgröße der Teufel, das Hörnergeschmückte schwarze Haupt traurig gesenkt ( es entgehen ihm heuer halt zu viele sonst sichere Seelen). Daneben bedeutungsvolle Werke über Ursprung und Ende des Kemptener Karnevalsvereins. Zwei Stunden weilte das lustige Völklein bei uns und im fröhlichem Tun und Treiben , das aber immer im Rahmen der Anständigkeit blieb, verflog nur zu schnell die Zeit. Viel Mühe und Arbeit kostete für Veranstalter und Teilnehmer so ein Maskenzug und darum Anerkennung und Dank der Oyer Junggesellenschaft für das bereitete Vergnügen, verbunden mit dem Wunsche:” Auf frohes Wiedersehen im nächsten Jahr!”